«Naturschutz beginnt direkt vor der Haustüre»

    Der Bestand der Igel nimmt seit Jahren ab. Viele Igel sind auf menschliche Hilfe angewiesen, um zu überleben und das Erwachsenenalter erreichen zu können. Piet Umiker, Geschäftsführer des Vereins Igel-Hilfe Schweiz, gibt Einblick in die faszinierende Welt der Igel und in den Alltag der Igel-Stationen. Ohne das freiwillige Engagement von vielen Tierfreunden, gäbe es bald keine Igel mehr in der freien Natur.

    (Bilder: zVg) Setzt sich mit viel Herzblut für die Igel ein: Piet Umiker wünscht sich, dass der Igel wieder einen natürlichen Platz in unserer Landschaft findet.

    Was hat Sie bewogen, im Verein Igel Hilfe mitzuwirken und was bedeutet Ihnen dieses Engagement?
    Piet Umiker: Ich bin zur Igel Hilfe Schweiz gekommen, weil ich überzeugt bin, dass Naturschutz auch im Kleinen beginnt, direkt vor unserer Haustüre. Der Igel ist ein faszinierendes Tier, das vielen Menschen nahe ist und trotzdem immer seltener wird. Dieses Engagement bedeutet für mich, ganz konkret Verantwortung zu übernehmen, damit unsere Kinder und Enkel noch Igel in freier Natur erleben können.

    Wie geht es den Igeln in der Schweiz?
    Leider nicht gut. Der Bestand nimmt seit Jahren ab und immer mehr Igel sind auf menschliche Hilfe angewiesen, sei es durch Lebensraumverlust, Verkehr, Rasenroboter oder fehlende Insekten. Viele Tiere erreichen das Erwachsenenalter gar nicht mehr.

    Der Igel ist seit 2024 auf der roten Liste der bedrohten Tierarten. Wieso ist die Igelpopulation bedroht und wie viele gibt es noch in der Schweiz?
    Hauptgründe sind die zunehmende Zersiedelung, der Verlust naturnaher Gärten, der Einsatz von Pestiziden und der Strassenverkehr. Exakte Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen von einem Rückgang um über vierzig Prozent in den letzten zwanzig Jahren aus. In der Schweiz dürften noch einige zehntausend Igel leben, die Tendenz ist aber klar fallend.

    Was sind die grössten Gefahren für die Igel in der Schweiz?
    Neben Autos und Mährobotern sind es vor allem strukturlose Gärten, versiegelte Flächen und fehlende Unterschlupfmöglichkeiten. Auch der Klimawandel mit zu milden Wintern und trockenen Sommern setzt den Tieren zunehmend zu.

    Jungtiere erreichen oft nicht genug Gewicht für den Winterschlaf.

    Die meisten Igelstationen haben einen aufwändigen Weg zurückgelegt, um das zu werden, was sie heute sind. Wie haben Sie es geschafft, eine zuverlässige Anlaufstelle zu werden?
    Wir setzen auf fachliche Qualität, transparente Zusammenarbeit und ganz viel Herzblut. Jede Entscheidung wird im Sinne des Igels getroffen. Durch unsere gute Vernetzung mit Tierärzten, Wildtierstationen und Freiwilligen konnten wir eine professionelle Struktur aufbauen, die schweizweit Vertrauen geniesst.

    Wie viele Igelstationen gibt es und wie bekannt sind sie in der Bevölkerung?
    In der Schweiz gibt es rund 18 aktive Igelstationen, einige professionell geführt, andere ehrenamtlich. Dank unserer Öffentlichkeitsarbeit, Medienpräsenz und Projekten wie dem Label für igelfreundliche Betriebe steigt die Bekanntheit deutlich.

    Was sind die Aufgaben der Igelstation?
    Wir nehmen verletzte, verwaiste oder geschwächte Igel auf, pflegen sie und bereiten sie auf die Wiederauswilderung vor. Gleichzeitig leisten wir Aufklärungsarbeit, beraten Privatpersonen und Gemeinden und fördern den igelfreundlichen Lebensraum.

    Was sind die grössten Herausforderungen der schwachen Igelis?
    Viele Igel kommen stark untergewichtig oder von Parasiten befallen zu uns. Die meisten sind Jungtiere, die ohne unsere Hilfe den Winter nicht überstehen würden. Ihre Stabilisierung und Vorbereitung auf die Auswilderung erfordert Geduld, Erfahrung und tägliche Betreuung.

    Wann kommen die Tiere in die Igelstation?
    Hauptsaison ist von September bis Dezember, wenn Jungtiere nicht genug Gewicht für den Winterschlaf erreichen. Aber auch im Frühling und Sommer bringen Menschen verletzte Igel, die beispielsweise durch Gartenarbeiten oder Verkehr verletzt wurden oder keine Nahrung mehr finden und stark hungern.

    Vor allem strukturlose Gärten, versiegelte Flächen und fehlende Unterschlupfmöglichkeiten machen den Igeln zu schaffen.

    Was passiert mit den Igeln, wenn sie wieder gesund sind?
    Nach erfolgreicher Pflege werden sie an geeigneten, sicheren Orten wieder in die Natur entlassen, möglichst in ihr ursprüngliches Revier oder in naturnahe Gärten, wo sie Unterschlupf und Nahrung finden.

    Wie viele Mitarbeitende haben Sie?
    Unser Kernteam besteht aus fünf ausgebildeten Tierpraxisassistentinnen EFZ, Tierpflegerinnen EFZ, Telefonmitarbeiterin und unterstützt von Freiwilligen und Lernenden. Dazu kommen saisonale Helfer, die uns in Spitzenzeiten tatkräftig unterstützen.

    Wie arbeiten Sie mit den freiwilligen Helferinnen und Helfern zusammen?
    Freiwillige sind ein wichtiger Teil unseres Teams. Wir schulen sie sorgfältig, damit sie die Igel korrekt versorgen können. Der Austausch ist sehr familiär, jede und jeder kann sich nach eigenen Möglichkeiten einbringen.

    Was sind zurzeit die grössten Herausforderungen?
    Die steigende Zahl hilfsbedürftiger Igel bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen. Zudem ist die Finanzierung laufender Projekte, der Ausbau der Aufklärungsarbeit und die Sicherung langfristiger Unterstützung eine grosse Aufgabe.

    Wie wird der Verein Igel Hilfe Schweiz finanziert?
    Unsere Arbeit wird hauptsächlich durch Spenden, Patenschaften und freiwillige Beiträge von Privatpersonen sowie durch Kooperationen mit Betrieben und Stiftungen ermöglicht. Wir erhalten keine staatlichen Subventionen und sind daher auf jede Unterstützung angewiesen.

    Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Igelstation?
    Ich wünsche mir, dass wir weiterhin genügend Mittel und engagierte Menschen finden, um die steigende Zahl hilfsbedürftiger Igel versorgen zu können. Und ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen ihre Gärten und ihr Denken so verändern, dass der Igel wieder einen natürlichen Platz in unserer Landschaft findet.

    Interview: Corinne Remund


    Igel-Hilfe Schweiz

    Die Igelhilfe Schweiz ist eine Organisation, welche ihre eigene Igelstation in Niedergösgen unterhält und sich schweizweit für die Igelrettung und die Biodiversität einsetzt. Diese ist für eine abwechslungsreiche Ernährung des Igels lebensnotwendig.

    www.igel-hilfe.ch

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