Nein zum Service Citoyen am 30. November


    Kolumne


    Der Zwang zum Bürgerdienst schwächt die Vereine, Unternehmen und Sicherheit der Schweiz

    Bild: zVg

    Demokratie lebt vom Mitmachen. Das gilt nicht nur fürs Abstimmen, sondern noch mehr beim Engagement in Vereinen. Hier ist die Schweiz gerade auf dem Land noch eine Insel der Glückseligen. Personen aller politischer Lager übernehmen in Kegelclub, Turn- und Gesangsverein Verantwortung und leisten ihren Beitrag fürs Gemeinwesen – und sie haben gemeinsam Spass. So schafft die Schweiz sozialen Zusammenhalt.

    Anders die USA: Dort beklagte der US-Politologe Putnam bereits vor 30 Jahren im Buch Alleine Kegeln den Niedergang der Vereine als Grund für die Polarisierung der US-Demokratie. Wer sich in Vereinen nicht mehr engagiert, glaubt Falschmeldungen über die politische Gegenseite und steht sich irgendwann unversöhnlich gegenüber. Die USA sind ein Mahnmal dafür!

    Auf den ersten Blick scheint da die Service Citoyen Initiative die richtige Massnahme: Alle jungen Schweizerinnen und Schweizer leisten einen Bürgerdienst und stärken so unser Land. Doch das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Die Nachteile der Initiative sind gravierend. Im medialen Getöse um US-Zölle und JUSO-Enteignungsinitiative drohen die negativen Folgen der Initiative vergessen zu gehen, die Umfragen zeigen ein knappes Bild. Das wäre für die Schweiz schlecht.

    Die Initiative schwächt das freiwillige Engagement für Vereine: Bereits heute lachen viele Zivildienstpflichte über «Schoggidienste» und selten finden sie, dass sie etwas Sinnvolles geleistet oder gelernt hätten. Sie freuen sich, im Unterschied zu Soldaten, im eigenen Bett schlafen zu können. Das ist zu wenig.

    Mit dem Bürgerdienst müssten sich noch mehr Beamte in Kantonen Projekte aus den Fingern saugen. Noch mehr Langeweile und frustriertes Zeitabsitzen wäre die Folge. Und am Schluss des Bürgerdienstes denken alle erleichtert: Jetzt habe ich meine Bürgerpflicht für den Rest des Lebens erfüllt ‒ und werden sich nie mehr engagieren. Das ist fatal. Denn der Dienst an der Gemeinschaft macht man nicht als Zwangsdienst, sondern weil man es will und überzeugt ist. Dann kann und soll man auch zwischen Engagement in Feuerwehr und Turnverein wählen und wechseln.

    Anders ist das bei der Armee: Niemand will Krieg. Alle sorgen sich, wie Russland die Ukraine brutal angegriffen hat und täglich weiter zerstört, wie die Baltischen Staaten sich auf einen Angriff Russlands vorbereiten und wie Russland mit Drohnen über Flughäfen und dem Kappen von Unterseekabeln in Europa uns bereits angreift. Da wäre es fatal, wenn die generelle Militärdienstpflicht durch einen Bürgerdienst ausgehöhlt würde. Soldaten engagieren sich im Ernstfall mit ihrem Leben für die Sicherheit und Freiheit von Familie, Freunden und Land. Da braucht es eine Dienstpflicht samt Zwang – gerade, wenn der Krieg näherkommt. Die Service Citoyen-Initiative würde in einer gefährlichen Zeit für unser Land die Dienstpflicht fürs Militär schwächen und in Frage stellen. Das ist das Letzte, was wir brauchen.

    Ebenso wenig brauchen wir schliesslich die enormen Kosten der Initiative für Gesellschaft, Arbeitnehmer und Unternehmen. Der Bürgerdienst würde jährlich Hunderttausende junge Menschen von Ausbildung und Beruf fernhalten – oft für Aufgaben, die nur begrenzt sinnvoll sind und mit Angeboten privater Firmen konkurrieren. Das würde in einer Zeit des Fachkräftemangels den Druck auf die verbleibenden Mitarbeitenden erhöhen. Wer Bürgerdienst leistet, würde von der Erwerbsersatz- und der Militärversicherung bezahlt. Dazu müssten alle Arbeitnehmenden und Arbeitgeber jährlich etwa 1 Mia. Franken berappen.

    Unser Land steht vor grossen Herausforderungen: Wir müssen Dekarbonisierung, Überalterung, Künstliche Intelligenz und Landesverteidigung anpacken. Da brauchen wir keinen Service Citoyen als ineffizientes Beschäftigungsprogramm, sondern junge Menschen, die am Job arbeiten, in der Schulbank lernen und als Verantwortungsträger bei Feuerwehr, Turnverein etc. einen freiwilligen, statt erzwungenen Beitrag zum Erfolg unserer Gemeinschaft leisten.


    Zur Person:
    Stefan Brupbacher, promovierter Jurist, war Generalsekretär des WBF sowie der FDP Schweiz und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Führungspositionen. Seit 2019 ist er Direktor von Swissmem und Vorstandsmitglied von Orgalim, dem europäischen Dachverband der Technologie-Industrien.

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